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Verzerrtes Spiegelbild [Kurzgeschichte]

Sie spürte ihre Blicke. Auch wenn sie nicht hinsah konnte sie ganz genau fühlen, wie ihre Augen auf ihr ruhten. Auf ihrem Körper. Ihrem Gesicht. Ihren Haaren. Sie spürte ihre harten Urteile. Meinungen, die über sie gebildet wurden. Getroffene Entscheidungen.

Ein Blick in den Spiegel. Das was sie sah gefiel ihr nicht. Hatte ihr noch nie wirklich gefallen. Doch nun war es schlimmer. Ihr Zweifel waren stärker geworden. Ein Satz hatte gereicht. Ein kleiner, unbedachter Satz. Er hatte etwas ins Rollen gebracht. Etwas, das schon lange da war und nur darauf gewartet hatte, angestoßen zu werden.

Jetzt konnte sie es nicht mehr stoppen.

Sie hasste ihren Körper. Sie hasste ihre Haare. Sie hasste ihr komplettes Aussehen. Sie fühlte sich dick und abstoßend. Und niemand konnte sie vom Gegenteil überzeugen. Wenn andere ihr sagten, dass sie eine gute Figur hatte, dann konnte sie ihnen nicht glauben. Sie lügten doch nur, damit sie sich besser fühlte. Sie spielten ihr nur etwas vor. Waren nicht ehrlich. Wollten vielleicht auch einfach nur, dass sie nichts dagegen tat. Damit sie sich in ihrer Gegenwart besser fühlen konnten. Schöner. Schlanker.

Sie war anders als andere Mädchen in ihrem Alter.

Sie war reifer. Und das sah man ihr an. Doch für sie war es eine Bürde. Denn es unterschied sie von ihren Freundinnen. Es war offensichtlich, dass sie nicht zum Durchschnitt gehörte. Doch in ihrem Alter wollte man genau das. Man wollte dazu gehören. Man wollte wie die anderen sein.

Bilder von Models motivierten sie. Sport war ihre Medizin. Er war ihre Flucht. Er gab ihr ein reines Gewissen. Noch ein bisschen mehr. Das konnte sie schon von ihrem Körper fordern. Sie nahm keine Rücksicht auf ihn. Es war ihr egal, was er von ihr verlangte. Was er wollte. Was er brauchte. Das interessierte sie nicht. Sie hasste ihn sowieso. Also konnte er auch leiden. Er sollte es sogar. Sie wollte ihn bestrafen. Und sich selbst.

Mittlerweile hörte sie auch gar nicht mehr, was ihr Körper ihr mitteilen wollte. Sie spürte den Hunger nicht mehr. Hatte ihn sich abtrainiert. Natürlich ging es ihr ab und zu schlecht. Ihr Kreislauf lies sie oft beinahe auffliegen. Aber sie konnte ihren Zustand gut vor anderen verstecken. Aß am Wochenende ein bisschen mehr, damit ihren Eltern nichts auffiel. Und dank zu großen Schlabberpullis merkte auch niemand, dass man ihrem Körper die Strapazen immer mehr ansah.

Es gelang ihr zwar gut, ihren Körper zu verstecken, doch ihre immer größer werdenden Depressionen konnte sie irgendwann nicht mehr länger verbergen. Es wurde ihr zu viel, sie brauchte jemanden, der ihr zuhörte. Den sie einweihen konnte. Zwar wusste bereits eine Freundin bescheid, die ähnliche Probleme hatte, doch diese zog sie nur immer weiter mit sich. Dem Abgrund entgegen.

Irgendwann gab sie auf.

Sie konnte einfach nicht mehr. Sie vertraute sich ihren Eltern an, welche kaum glauben konnten, was ihre Tochter da erzählte. Wieso war es ihnen nicht aufgefallen? Sie machten sich schlimme Vorwürfe. Was waren sie nur für schlechte Eltern? 

Sie suchten Hilfe. Und rannten gegen Wände. Es schien so, als würde niemand ihr helfen können. Doch sie gaben nicht auf und schließlich fanden sie einen Therapeuten, bei dem sie sich wohl fühlte. Endlich ging es ihr wieder besser. Sie begann wieder zu essen und schämte sich nicht mehr so sehr. 

Doch auch noch nach Monaten war sie sehr anfällig. War immer noch unstabil. Es war schwer für sie, in einer Welt, in der das Aussehen so extrem wichtig war. In einer Welt, in der man oft das Gefühl hatte, dass der innere Wert sich nach der äußeren Erscheinung richtet. Das stimmte nicht, das wusste sie. Und trotzdem tat die Gesellschaft so, als wäre es wahr. 

Ein falscher Satz und sie wäre wieder dort, wo sie angefangen hatte. Ein falsches Wort konnte so viel anrichten. Alte Wunden aufreissen. Wie konnte sie sich auch mit sich selber wohl fühlen, wenn sie selbst stets akribisch auf das Äußere der anderen achtete? Auch sie verurteile scharf, es war ein Reflex. Ein Reflex, der ihr so antrainiert wurde. Weil es in ihrem Umfeld oft nur darum ging. 

Ein Blick in den Spiegel. 

Du bist okay, so wie du bist. Du bist wunderschön, auf deine eigene Art und Weise. Kannst du das nicht erkennen?

Perfektion.

Wer ist schon perfekt? Jeder hat seine ganz eigene Definition. 

Spiegelbild.

Bitte, versuche mich zu akzeptieren. Vielleicht sogar irgendwann zu lieben. Können wir nicht einfach Freunde sein? 

Sie lächelt zaghaft.

Ich werde es versuchen. 

Und das ist alles, was ich wollte. 

 

***

Marina  ♥

 

Diese Geschichte basiert auf einer wahren Story von F. M. 

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2 Comments

  • Reply Sibi

    Sehr inspirierend! Da können sich sicher einige damit identifizieren, ich kann es definitiv. Danke dir dafür!

    12. Oktober 2018 at 10:55
    • Reply Marina

      Dankeschön Sibi <3

      16. Oktober 2018 at 9:52

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