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Leichter zu gehen, als zu bleiben

“Es ist schön jemanden zu haben, der immer für einen da ist und mit dem man alles gemeinsam durchsteht”, sagt sie, während wir nebeneinander herlaufen. “Heutzutage sind die meisten Menschen schnelllebig und bleiben nicht. Brauchen immer etwas anderes. Da ist so etwas viel wert.” Ich nicke. Ihre Worte haben etwas in mir ausgelöst. Sie hat recht. 

Es heißt ja immer, dass die einzige Konstante im Leben die Veränderung ist. Und dass wir Veränderungen brauchen, um zu wachsen. Wir können nicht immer derselbe Mensch bleiben, wir sind ständig im Wandel. Genauso wie alles um uns herum. Und natürlich zerbrechen deswegen auch Beziehungen und Freundschaften. Manchmal entwickeln wir uns eben in eine andere Richtung und dann muss man den Mut haben, loszulassen, um Platz für etwas Neues zu schaffen.

Aber geben wir vielleicht manchmal viel zu schnell auf? Wir lassen Freunde gehen, beenden Beziehungen, lernen neue Leute kennen und vergessen die alten. Vielleicht ist es manchmal besser so. Vielleicht ist es aber manchmal auch einfach nur leichter. Es ist meistens leichter von vorne anzufangen, als alte Dinge zu reparieren. Und heutzutage hat keiner mehr Zeit, zerbrochene Scherben neu zusammenzusetzen.

Vielleicht brauchen wir das auch nicht. Vielleicht liegt aber auch genau darin die Schönheit des Lebens. Ja, Veränderung bedeutet Weiterentwicklung. Aber die größte Weiterentwicklung finden wir nicht unbedingt immer nur in fremden Menschen. Die Menschen, die uns schon ewig kennen, die von unseren Stärken und Schwächen wissen, die mit uns wertvolle Erinnerungen teilen und mit denen wir auch schon den einen oder anderen Streit hatten. Diese Menschen fordern uns am meisten heraus.

Es ist so oft leichter zu gehen, als zu bleiben. Weil wir Angst davor haben, uns unseren Ängsten zu stellen. Und wir reden uns ein, wir seien mutig. Aber sind wir das denn? Wäre es nicht mutiger, zu bleiben? Manchmal nicht. Manchmal schon. 

Schnelllebigkeit.

Wir sind so frei. Wir leben im Überfluss. Das passt mir nicht, dann nehme ich eben etwas anderes. Das ist kaputt, weg damit. Ich brauch dich nicht. Ich tausche dich aus. Und neu ist doch sowieso immer besser. Oder nicht?

“Es ist schön jemanden zu haben, der immer für einen da ist und mit dem man alles gemeinsam durchsteht.” Ihre Worte gehen mir durch den Kopf. Und sie lösen eine Sehnsucht in mir aus. Das Verlangen, endlich anzukommen. Mich zu verpflichten. Einem Ort und den Menschen in meinem Leben. 

Vergänglichkeit.

Alles ist vergänglich. Sich an etwas festzuklammern tut weh. Etwas von sich zu stoßen aber auch. 

Die Gier danach, etwas zu erleben.

Das Unbekannte reizt uns, aber die wahre Kunst ist es doch, im alltäglichen das Unbekannte zu sehen. Kleine Reize zu großen zu machen, anstatt immer nur nach großen Reizen Ausschau zu halten. Enger mit den Menschen um sich herum zusammenzuwachsen, anstatt sich immer weiter voneinander zu entfernen. Kleinere Kreise zu ziehen, anstatt immer größere.  

Manchmal ist es leichter zu gehen, als zu bleiben. Weil wir dann nichts mehr zu verlieren haben. Weil wir die Verantwortung abgeben. Weil es uns das Gefühl von Kontrolle gibt. Es macht uns frei, weil wir wieder alleine sind. Und alleine kann uns niemand vorschreiben, was wir zu tun haben. Und niemand kann uns verlassen. 

Wir gehen weiter die Straße entlang. Und während sie weitererzählt wird mir klar, dass es nicht immer mutiger ist, zu gehen. Immer einen Fuß in der Tür um zu flüchten, sobald es riskant wird. Und mir wird klar, dass wir irgendwann lernen müssen zu bleiben, auch wenn es hart wird. Weil wir dann am meisten lernen. Weil wir dann am meisten wachsen. Weil wir dann zusammenwachsen. 

Manchmal ist es leichter zu gehen, als zu bleiben. Bleiben kann schwer sein. Bleiben kann Arbeit bedeuten. Bleiben kann bedeuten, sich seinen Dämonen stellen zu müssen.

Ja, gehen kann so viel leichter sein. Alles hinter sich lassen, weglaufen, neu anfangen. Aber nur so lange, bis es wieder kompliziert wird. Denn ein Fuß ist immer noch in der Tür. Bereit zur Flucht.

Manchmal ist es leichter zu gehen, als zu bleiben. Aber wirklich mutig ist man dann wenn man bleibt, auch wenn es eigentlich leichter wäre zu gehen. 

 

 

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Marina  ♥

 

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