Follow me:
absichtlich-leben-blog-kurzgeschichte

Gehen oder bleiben? [Kurzgeschichte]

Ich wusste, dass diese Entscheidung mein Leben für immer verändern würde. Aber ich wusste nicht, ob ich in der Lage war, sie zu treffen. Ist keine Entscheidung zu treffen nicht auch eine Entscheidung? Vermutlich schon. Und ich wusste, solange ich sie nicht treffen würde, würde sich auch nichts verändern. Dabei wollte ich so sehr, dass sich endlich etwas in meinem Leben veränderte. 

Doch wir Menschen sind Gewohnheitstiere, wir haben Angst vor großen Veränderungen, vor lebensverändernden Entscheidungen. Und deshalb rennen wir vor ihnen davon. So wie ich.

Das Problem ist jedoch, dass sie uns immer wieder einholen, egal wohin wir gehen. Solange, bis wir sie tatsächlich endlich treffen. Ja, oder nein?

Gehen, oder bleiben?

Dieser Montag glich dem Montag davor und eigentlich auch allen anderen Montagen vor diesem. Es war immer derselbe Ablauf, die gleichen Gesichter, die gleichen Gewohnheiten. Langsam ging ich die kahlen Gänge des Klinikums entlang und zögerte mein Eintreffen im Büro solange hinaus, wie nur möglich.

Obwohl ich diese Gänge hasste, spürte ich eine Art Vertrautheit in mir, eine unerklärliche Sicherheit. Die grellgelben Pfeile auf dem Boden, welche den schnellstmöglichen Weg zur Notaufnahme zeigten. Keine Bilder an den Wänden, keine Pflanzen auf den Fensterbänken. Stattdessen sieht man eiserne Gitterbetten, in denen kranke Patienten darauf warten, zur Station gefahren zu werden.

Doch auch wenn die Mauern, die mich hier einschlossen, schrecklich düster und hässlich waren, hatte ich mich in all den Jahren an sie gewöhnt. Schließlich arbeitete ich schon seit über fünfzehn Jahren hier, da fühlt man sich irgendwann Zuhause, ob man will oder nicht. Wollte ich diese Sicherheit wirklich aufgeben? Wollte ich mich wirklich wieder an eine neue Umgebung gewöhnen und das in meinem Alter?

Die Tür meines Büros war schon in Sicht. Gleich würde ich meine Arbeitskollegin wieder sehen, was bedeutete, dass mein Tag ab jetzt nur noch schlechter werden konnte. Denn Silke war nicht die Art von Person, die man gerne um sich hatte. Sie war ständig schlecht gelaunt, beschwerte sich den ganzen Tag und machte mir das Leben schwer, wo immer sie nur konnte.

„Guten Morgen“, begrüßte ich sie freundlich, während ich durch die Tür trat und meine Tasche auf dem Tisch ablegte.

„Morgen“, kam es genervt von ihr zurück. Sie blickte mich nicht einmal an, sondern starrte weiterhin auf ihren Computerbildschirm, als wäre sie gerade dabei, etwas unglaublich Wichtiges zu bearbeiten und ich würde sie dabei nur stören.

„Warum ist Herr Kirchendorfer immer noch nicht terminiert?“, fragte sie spitz, obwohl sie die Antwort eigentlich ganz genau kannte.

„Es gab ein paar Probleme gestern, ich bin deswegen extra länger geblieben. Die Station weiß noch nicht, ob sie ihn aufnehmen kann.“

„Aha“, antwortete sie schnippisch und tippte etwas in ihren Computer. „Hast du denn wenigstens schon die Dienste in den Urlaubsplan eingetragen?“

„Ja, das hab ich schon lange erledigt.“ Ich setzte mich auf meinen Stuhl und zögerte etwas, bevor ich ihr meine Neuigkeiten mitteilte. „Apropos Urlaub… Ich werde mir nächsten Mittwoch frei nehmen, weil da die Heizungsableser kommen.“

„Ausgerechnet am Mittwoch! Dann muss ich meinen Termin verschieben! Na super, schönen Dank auch.“ Natürlich. Wie immer hatte sie ausgerechnet an dem Tag einen Termin, an dem ich mir frei nehmen wollte. Jedes mal musste sie wegen mir ihre wichtigen Termine verschieben, die sich komischerweise immer mit meinen überschnitten.

„Hast du schon gehört, was Doktor Dietrich sich schon wieder geleistet hat? Dieser Mann bringt mich noch zur Verzweiflung.“

Ich war diejenige, die hier von ihr langsam aber sicher zur Verzweiflung getrieben wurde. Diese konstanten Beschwerden, gemischt mit indirekter Kritik und fiesen Sticheleien. Jeden Tag das gleiche Spiel. Immer und immer wieder.

Man sagt nicht umsonst, dass dein Umfeld bestimmt, wer du wirst. Und Silke war definitiv nicht die Person, die ich gerne werden wollte. Doch ich bemerkte immer mehr, wie ich ihre Züge annahm, ihre ständigen Nörgeleien und ihre Unruhe. Ich fühlte mich schlecht, wenn ich von der Arbeit nach Hause kam, ausgelaugt und machtlos. Silke war mittlerweile wie ein kleiner Teufel in meinem Kopf, der mir immer und immer wieder erzählte, dass ich zu nichts zu gebrauchen war. Sie hatte sich in meinem Gehirn eingenistet und verbreitete dort Chaos und Unbehagen.

Wie wird man jemanden los, wenn dieser jemand sich in deinem Kopf ausbreitet wie ein Tumor? Es gab nur eine Lösung und das wusste ich auch, doch ich hatte zu viel Angst davor, es mir einzugestehen. Ich musste weg. Das war die einzige Möglichkeit, um nicht vollkommen auszubrennen. Ich brauchte einen neuen Job. Es war nicht so, dass ich meine Arbeit nicht mochte. Ich mochte sie sogar wirklich gerne. Doch es gab einen Punkt, an dem das alles nicht mehr zählte und nur noch zweitrangig war. Und diesen Punkt hatte ich bereits vor Jahren überschritten. Seitdem befand ich mich nur noch im Überlebensmodus und fragte mich jeden Morgen wieder, wie ich diesen Tag nur überstehen sollte.

Vielleicht aber reichte das Überschreiten dieses Punktes nicht aus, um eine Veränderung in Gang zu setzen, denn schließlich erduldete ich diesen Zustand schon viel zu lange. Vielleicht musste ich erst auf dem Grund aufschlagen, absolut am Ende und ausgebrannt sein. Und vielleicht war es nun tatsächlich so weit gekommen, denn der Wunsch nach einer Veränderung wurde immer größer und mittlerweile träume ich nicht nur davon, sondern ertappte mich sogar dabei, wie ich konkrete Pläne schmiedete.

Ich hatte mir schon ein paar Stellenanzeigen angeschaut und auch einige interessante gefunden, jedoch hatte ich nicht den Mut dazu, mich tatsächlich zu bewerben. Wer stellte denn eine Frau in meinem Alter noch ein? War es nicht peinlich, es überhaupt zu versuchen? Was, wenn ich überall abgelehnt werden würde? Dann bliebe mir nicht einmal mehr das kleine Fünkchen Hoffnung, welches ich jetzt noch hatte und an welchem ich mich verzweifelt festklammerte.

„Aber wenn du es nicht versuchst, dann wirst du nie herausfinden, ob es nicht vielleicht doch geklappt hätte“, hatte mir eine Freundin geraten. Natürlich hatte sie Recht, aber sie verstand nicht, wovor ich Angst hatte. Und seinen Ängsten ins Auge zu sehen ist nunmal nicht so einfach und manchmal braucht es eben Zeit. Doch mit jedem neuen Tag merkte ich immer mehr, dass diese Zeit nun wirklich endlich gekommen war. Ich hatte bereits alles zusammengesammelt, was ich für eine Bewerbung brauchte: Zeugnisse, Lebenslauf und sonstige Qualifikationsnachweise.

Alles was ich machen musste war, endlich eine der Bewerbungen abzusenden. Ein einziger kleiner Klick und eine E-Mail landete in einem Sekundenbruchteil im Postfach des Empfängers. So einfach ging das heutzutage. Ein Klick konnte ein ganzes Leben verändern. Man musste sich nur trauen, auf ‘Senden’ zu drücken. Tatsächlich konnte ich es sogar hier und jetzt machen und es würde nicht einmal jemand bemerken.

„Und dann ist er heute morgen einfach nicht erschienen und ich habe seine Frau gefragt, wo er bleibt. Und die meinte dann, dass er sich ausruhen muss, weil er ja heute Nacht Bereitschaftsdienst hatte. Kannst du das glauben? Was für ein Idiot! Übrigens gefällt es mir ganz und gar nicht, wie du die neuen Ordner angelegt hast. In diesem Krankenhaus ist wirklich jeder unfähig. Alles muss man hier selber machen! Kannst du jetzt bitte endlich die E-Mail an Doktor Hirtenberger rausschicken, oder muss ich das auch noch machen?“

„Natürlich“, antwortete ich mit einer ungewöhnlichen Gelassenheit in der Stimme, denn in diesem Moment hatte ich bereits eine andere E-Mail verschickt. Meine Entscheidung war endlich gefallen. Und auf eine seltsame Art und Weise war ich Silke dankbar dafür, dass sie mir gerade eben den letzten Schubs in die richtige Richtung gegeben hatte.

 

 

***

Marina  ♥

 

 

___________________________________

Gefallen dir meine Geschichten? Dann lies gerne in die ersten Kapitel meines Romans “Weck mich auf!” hinein.

___________________________________

 

Previous Post Next Post

Vielleicht gefallen dir auch diese Artikel

No Comments

Leave a Reply

Ich akzeptiere

*

code